In vielen deutschen Städten wird in diesen Tagen nach Schatten gesucht. Die Sonne brennt auf den Asphalt, die Temperaturen in den engen Straßenschluchten steigen unerträglich an. Eine aktuelle Studie des Deutschen Wetterdienstes zeigt: Die Anzahl sogenannter heißer Tage hat sich in den letzten 30 Jahren in vielen Städten mehr als verdoppelt. Umso dringender stellt sich die Frage: Wie können wir unsere Städte schneller begrünen? Wie schaffen wir Schatten, wenn Bäume doch so lange zum Wachsen brauchen? In Stuttgart, wo ich viele Jahre gearbeitet habe, ist das Thema akuter denn je. Die Kessellage macht die Stadt besonders anfällig für Hitze. Eine mögliche Antwort kommt aus der Forschung und ist überraschend unscheinbar: die Purpur-Erle.
Dieser Baum ist ein wahres Naturtalent. Während viele heimische Bäume wie Eichen oder Linden nur etwa 20 bis 30 Zentimeter pro Jahr in die Höhe wachsen, schafft die Purpur-Erle laut Untersuchungen der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau bis zu 80 Zentimeter. „Das ist ein enormes Tempo“, erklärt die Landschaftsarchitektin Dr. Sabine Müller, mit der ich gesprochen habe. „Für eine vergleichbare Krone, die nennenswert Schatten spendet, braucht eine Linde locker 30 bis 40 Jahre. Die Purpur-Erle kann das in einem Drittel der Zeit schaffen.“ Das ist angesichts der drängenden Klimaanpassung unserer Städte ein gewaltiger Vorteil. Zudem kommt der Baum, eine Züchtung aus verschiedenen Erlenarten, mit Trockenstress und verdichteten Stadtböden erstaunlich gut zurecht – Voraussetzungen, unter denen andere Arten leiden. Ein weiterer Pluspunkt: Ihr dichtes Blattwerk filtert nicht nur Feinstaub aus der Luft, sondern sorgt durch Verdunstung auch für eine natürliche Kühlung der Umgebung.
- Wachstumsrate von bis zu 80 Zentimetern pro Jahr
- Erreicht vergleichbare Kronen in einem Drittel der Zeit
- Widerstandsfähig gegen Trockenstress
- Geeignet für verdichtete Stadtböden
- Filtriert Feinstaub aus der Luft
- Spendiert natürlichen Schatten durch Verdunstung
Aus meiner journalistischen Praxis in Baden-Württemberg weiß ich: Solche Innovationen stoßen nicht immer auf offene Arme. Viele Stadtplaner und Bürger sind skeptisch gegenüber „neuen“ Baumarten und setzen lieber auf traditionelle Alleen. Das verstehe ich. Eine Straße ohne alte Linden oder Kastanien – das fühlt sich für viele falsch an. Aber wir müssen umdenken. Die Zeit drängt, die Sommer werden heißer. Die Purpur-Erle ist keine Lösung für alle Probleme, aber ein sehr effizientes Werkzeug im Werkzeugkasten der Stadtbegrünung.
Ihre Bedeutung liegt also auf der Hand: Sie kann den dringend benötigten ökologischen und klimatischen Nutzen für unsere Städte deutlich schneller liefern als andere Bäume. In den kommenden Jahren werden wir sie wahrscheinlich häufiger sehen, in neu angelegten Quartieren oder als Ergänzung in bestehenden Parks. Die Frage, die mir dabei durch den Kopf geht, ist: Wie schaffen wir es, diese schnellen Helfer zu pflanzen, ohne dabei das gewachsene, grüne Gedächtnis unserer Städte zu verdrängen? Vielleicht ist die Antwort ja eine Mischung aus altem Bestand und neuen, widerstandsfähigen Arten – genau wie unsere Gesellschaft selbst.
| Eigenschaft | Purpur-Erle | Andere heimische Bäume |
|---|---|---|
| Wachstumsrate pro Jahr | Bis zu 80 cm | 20 – 30 cm |
| Zeit bis zur Schattenbildung | 10 – 15 Jahre | 30 – 40 Jahre |
| Widerstandsfähigkeit bei Trockenheit | Hoch | Niedrig |
| Feinstaubfilterung | Ja | Seltener |
| Geeignet für Stadtböden | Ja | Oft nicht |
| Klimatischer Nutzen | Hoch | Mittel |