Die Daumen sind gereckt, die Rucksäcke geschnürt – in Lüneburg hat am Wochenende ein ungewöhnliches Rennen begonnen. Nicht um Geschwindigkeit auf der Straße, sondern um die pure Freude an der Begegnung. Fast vier Dutzend Menschen sind beim sogenannten „Tramprennen“ gestartet, ihr Ziel liegt über 1.500 Kilometer entfernt in Rumänien. In kleinen Teams geht es per Anhalter gen Südosten. „Unser Ziel ist es, dass Trampen populärer wird“, sagt die 33-jährige Mitorganisatorin Tessa Brancalion. Ihre Erfahrung? „Ich bin in Deutschland deutlich schneller als die Deutsche Bahn.“
Das klingt nach einem Abenteuer aus einer anderen Zeit. Und in der Tat: Während viele meiner Generation sich noch an Tramp-Reisen in den 80ern oder 90ern erinnern, ist der klassische Autostopp heute selten geworden. Die Teilnehmer dieses Rennens, zwischen 19 und 56 Jahre alt, wollen dem etwas entgegensetzen. Sie vertrauen auf Gastfreundschaft und spontane Kontakte. Philipp Weckesser, der seit elf Jahren per Anhalter reist, hat sogar seine Bachelor-Arbeit über die Sicherheit beim Trampen geschrieben. Sein Fazit ist verblüffend klar: „Es ist vergleichsweise so, wie in eine Disco zu gehen. Jeder kann entscheiden, ob er einsteigt.“
Doch diese sorglose Haltung teilt nicht jeder. Der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski beobachtet einen gesellschaftlichen Stimmungswandel. „Die These ist, dass die Sehnsucht nach Sicherheit größer wird als der Durst nach Freiheit“, sagt er. In unsicheren globalen Zeiten, so seine Analyse, wächst bei vielen das Bedürfnis nach Kontrolle und Planbarkeit. Spontanes Trampen falle da für einige in die Kategorie „Sicherheitsrisikofaktor“. Junge Menschen seien heute zwar mobiler denn je, bevorzugten aber oft strukturierte Formate wie Work-and-Travel in als sicher geltenden Ländern.
Was bleibt, ist eine faszinierende Gegenbewegung. Während ein Teil der Gesellschaft Risiken minimieren will, suchen andere genau das Gegenteil: das unvermittelte, echte Erlebnis. Dieses Rennen ist mehr als ein Wettkampf. Es ist eine lebendige Frage an uns alle: Wie viel Kontrolle brauchen wir wirklich, um uns frei zu fühlen? Die Antwort der Tramper aus Lüneburg steht schon fest: Manchmal reicht ein ausgestreckter Daumen am Straßenrand.
- Trampen fördert persönliche Begegnungen
- Die Teilnehmer sind zwischen 19 und 56 Jahre alt
- Trampen hat in den letzten Jahren an Popularität verloren
- Die Sehnsucht nach Sicherheit wächst in der Gesellschaft
- Spontanität wird von einigen als Risiko wahrgenommen
- Das Rennen vermittelt die Freude am Reisen
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Startort | Lüneburg |
| Zielort | Rumänien |
| Teilnehmerzahl | 40 |
| Altersspanne | 19 bis 56 Jahre |
| Organisatorin | Tessa Brancalion |
| Reisedauer | Über 1.500 Kilometer |