In Sachsen-Anhalt wirft ein Bericht der „Zeit“ Fragen auf, die tief in die internationale Politik und das menschliche Schicksal reichen. Hunderte ukrainische Soldaten sollen während ihrer militärischen Ausbildung in Deutschland desertiert sein, um einer Rückkehr an die Front zu entgehen. Allein für dieses Bundesland sind dem Innenministerium etwa 80 solcher Fälle bekannt. Diese Männer nutzen das reguläre Asylverfahren – ein Weg, der ihnen aufgrund ihres offiziellen Ausbildungsstatus’ nicht durch die vereinfachten Regeln für Kriegsflüchtlinge offensteht. Die Prüfungen können sich lange hinziehen, ein Jahr oder mehr. Für die Betroffenen bedeutet das vor allem eines: Zeit.
Seit 2022 bildet die Bundeswehr an rund 60 Standorten ukrainische Kräfte aus, in Grundlagen wie Schießen oder Erster Hilfe. Von etwa 29.000 Absolventen, so zeigen die neuen Erkenntnisse, kehrten nicht alle zurück. Eine Sprecherin des Ausbildungskommandos in Strausberg bei Berlin bestätigte auf Nachfrage: „Dass sich vereinzelt Angehörige der ukrainischen Streitkräfte während der Ausbildung in Deutschland entfernt haben, ist dem Bundesministerium der Verteidigung bekannt.“ Man verweise auf die ukrainischen Stellen, es handle sich um deren „interne Angelegenheiten“. Die Bundeswehr, so die klare Aussage, habe keine Rolle bei der Feststellung von Fahnenflüchtigen.
In Gesprächen mit der „Zeit“ schilderten desertierte Soldaten ihre Gründe:
- Konflikte mit Vorgesetzten
- Schlechte Behandlung
- Wunsch, bei ihren in Europa lebenden Familien zu sein
- Flucht direkt vom Truppenübungsplatz Altengrabow
- Angst vor Haftstrafe in der Ukraine
- Unwahrscheinlichkeit einer Auslieferung aufgrund laufender Asylverfahren
Aus meiner langjährigen Berichterstattung weiß ich: Solche Fälle liegen immer im Spannungsfeld zwischen staatlichem Recht und individuellem Gewissen. Jeder dieser Fälle ist eine persönliche Geschichte, eine Zerreißprobe. Deutschland wird nun einen schwierigen Balanceakt vollführen müssen: zwischen der Solidarität mit der Ukraine, dem Respekt vor deren Gesetzen und der Bewertung jedes einzelnen Asylantrags nach unseren humanitären Grundsätzen. Die Debatte darum, wo Pflicht endet und wo Verzweiflung beginnt, hat gerade erst begonnen. Sie wird uns noch beschäftigen.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Ort | Sachsen-Anhalt |
| Anzahl der desertierten Soldaten | Etwa 80 |
| Ausbildungsstandorte | Rund 60 |
| Absolventen | 29.000 |
| Verfahren | Reguläres Asylverfahren |
| Rechtslage in der Ukraine | Mehrjährige Haftstrafe bei Desertion |