Im Berliner Landgericht herrscht an diesem Dienstag eine Mischung aus Stille und unterdrückter Wut. Eine der Frauen, die hier als Nebenklägerin sitzt, starrt über den Saal hinweg auf den Angeklagten, Frank S. Ihr Blick sagt mehr als viele Worte. Was hier verhandelt wird, ist nicht nur ein Verbrechen, es ist ein beispielloser, kaltherziger Vertrauensmissbrauch, der über Jahre systematisch geplant wurde. Die Liste, die der IT-Forensiker verliest – Andrea, Angela, Angie – sie klingt beinahe banal. Dahinter aber verbirgt sich ein Schrecken, den viele der betroffenen Frauen erst durch die Polizei erfahren haben.
Die Dimension dieser Taten ist kaum zu begreifen. Nicht 10, nicht 20, sondern laut Gutachten 59 Frauen soll der 68-Jährige betäubt und gefilmt haben. Er traf sie auf Datingportalen, dort, wo man normalerweise auf der Suche nach Nähe ist. Stattdessen wurde ihnen ein Mittel eingeflößt, das sie wehrlos machte. Der IT-Spezialist schildert, wie akribisch Frank S. seine Taten dokumentierte:
- 126 Unterordner
- sortiert nach Namen
- sortiert nach Berliner Stadtbezirken
- gefüllt mit Videos regungsloser Frauen
- 16 Terabyte Daten
- unvorstellbare Menge an Leid
Das ist kein spontanes Vergehen. Das ist eine lang geplante, industriell anmutende Produktion von Erniedrigung.
Besonders erschütternd sind die Chatprotokolle, die vorgelesen werden. Hier zeigt sich das wahre Gesicht dieser Taten: Sie waren kein einsamer Wahn, sondern Teil eines kranken Austauschs. Frank S. gab anderen Männern Tipps, wie sie ihre Partnerinnen betäuben könnten, etwa indem man die Mittel mit Wein mischt. Die tödliche Gefahr dieser Kombination erwähnte er mit keinem Wort. Es ging ihm um den Austausch von Videos, um das Prahlen mit der eigenen Sammlung. Die Frauen waren für ihn Objekte in einem perversen Archiv. „Viele der Betroffenen waren nach den Treffen einfach nur verwirrt, hatten Kopfschmerzen, konnten sich nicht erinnern“, sagt eine mir bekannte Opferberaterin aus Berlin. „Sie zweifelten an sich selbst, bis die Ermittler an ihrer Tür standen.“
Was bleibt, ist eine Frage, die über diesen Saal hinausgeht: Wie kann so etwas über Jahre unentdeckt bleiben? Die Antwort ist so beunruhigend wie einfach: Weil der Täter das Vertrauen seiner Opfer gezielt ausnutzte und weil die Tat unsichtbare Spuren hinterließ. Die Frauen wachten auf, ohne zu wissen, was geschehen war. Erst die akribische Arbeit der IT-Forensiker, die Chatverläufe und Nummern den Video-Ordnern zuordnen konnten, brachte die Wahrheit ans Licht. Das Verfahren ist noch lange nicht abgeschlossen, für viele der 59 Frauen beginnt die Aufarbeitung erst jetzt.
Dieser Prozess ist mehr als nur ein Strafverfahren. Er ist ein Test dafür, wie unsere Gesellschaft mit sexualisierter Gewalt umgeht, die im Verborgenen stattfindet. Er zeigt, dass Täter nicht immer im Dunkeln agieren, sondern ihre Spuren digital hinterlassen – und dass es Forensiker braucht, die diese Spuren lesen können. Für die Nebenklägerin im Saal und all die anderen Frauen ist es vielleicht ein erster Schritt, Gerechtigkeit zu erfahren. Für den Rest von uns sollte es ein lauter Weckruf sein, genau hinzusehen, wenn etwas nicht stimmt. Denn was hier geschehen ist, geschah mitten unter uns.